Hintergrund

Tagung am 19. und 20. September 2001

Die Stellung von Opferzeugen im Strafverfahren unterliegt tiefgreifenden Wandelungsprozessen. Die opferorientierten psychotherapeutischen und forensischen Wissenschaften haben die mit der Straftat und dem Strafverfahren verbundenen psychosozialen Belastungen (Stichworte: posttraumatisches Belastungssyndrom, sekundäre Viktimisierung) für Opferzeugen eindringlich belegt. Als besonders problematisch haben sich dabei wiederholte Vernehmungen von kindlichen Zeugen sowie der Opfer von Sexualdelikten herausgestellt. Die Rechtspolitik hat daraus Konsequenzen gezogen und die Opferschutzrechte ausgebaut, zuletzt mit den erweiterten Möglichkeiten zu Video-Vernehmungen; weitere Reformen werden vom Bundesjustizministerium geplant.

Parallel zu den Reformgesetzen ist die Situation der Opferzeugen im Strafprozess auch faktisch durch ein psychosoziales Betreuungsangebot verbessert worden; insbesondere durch die Schaffung von Zeugenzimmern in Gerichtsgebäuden und das Engagement der zahlreichen Opferhilfeeinrichtungen. Weiterhin ist festzustellen, dass von den Strafgerichten - in Prozessen, in denen der Zeuge (Haupt-)Belastungszeuge ist - zunehmend Glaubhaftigkeitsgutachten eingeholt werden. Ob Ermittlungen durchgeführt werden, ob es zur Anklageerhebungen kommt und ob Verurteilungen erfolgen, wird in tatsächlicher Hinsicht durch die forensischen Psychologen mitbestimmt. Die Notwendigkeit einer Qualitätssicherung und -überprüfung aussagepsychologischer Glaubhaftigkeitsgutachten haben vor allem die Erfahrungen mit dem "Wormser" Verfahren und dem "Montessori" Prozess verdeutlicht. Der BGH (BGHSt 45, 164) hat jüngst im Hinblick auf die Relevanz aussagepsychologischer Fachgutachten Mindeststandards formuliert.

Das führt nicht nur zu neuen interdisziplinären Herausforderungen für die Prozeßbeteiligten, sondern kann auch mit neuen Fehlerquellen im Strafprozess verbunden sein und lässt schließlich danach fragen, ob die Stärkung der Opferrechte nicht auch mit Beeinträchtigungen für die Rechtsstellung des Beschuldigten verbunden ist und die Effektivität der Verteidigung gefährdet.

Vor diesem Hintergrund haben wir auf der Tagung Juristen, Psychologen, Soziologen und Psychotherapeuten aus Wissenschaft und Praxis Gelegenheit zum Austausch kontroverser Standpunkte gegeben; eine intensive interdisziplinäre Diskussion über die aktuellen Probleme des Zeugenbeweises im Strafverfahren wurde geführt. Diese Bestandsaufnahme sollte allerdings nicht zu einer fruchtlosen Konfrontation zwischen zwei 'Lagern' führen, die entweder den Stellenwert des Opferschutzes oder den der schützenden Formen für den Beschuldigten betonen, sondern wollte durch die Einbeziehung des Gedankens der Verfahrensgerechtigkeit für Opfer und Beschuldigte neue Perspektiven für Wissenschaft und Praxis eröffnen: Lassen sich Strafverfahren so gestalten, dass sie von den Verfahrensbeteiligten mit ihren gegensätzlichen Standpunkten gleichermaßen als fair und gerecht empfunden werden?

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